Chemie trifft Geschichte – Ein besonderes Unterrichtsprojekt zur Bewertung wissenschaftlicher Verantwortung
Wie bewertet man die wissenschaftliche Leistung einer Person, wenn sie sowohl großen Fortschritt als auch schwerwiegende moralische Fragen mit sich bringt? Mit genau dieser Herausforderung beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler der Leisungsfächer Chemie und Geschichte des Katharinen Gymnasiums am 05.03.2026 in einer gemeinsamen Doppelstunde im Rahmen des einzigartigen Projekts „History meets Chemistry“.
In diesem fächerübergreifenden Unterrichtsformat arbeiteten beide Kurse zusammen und näherten sich der folgenden kontroversen, fiktiven Fragestellung aus unterschiedlichen Per-spektiven. Soll in Ingolstadt eine Straße nach dem Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber be-nannt werden?
Zu Beginn der Doppelstunde lernten die Schülerinnen und Schüler zunächst die beeindruckenden wissenschaftlichen Leistungen Habers kennen. Der Chemiker erhielt 1918 den Nobelpreis für die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens, mit dem Ammoniak erstmals industriell hergestellt werden konnte. Diese chemische Innovation bildet bis heute die Grundlage für die Produktion von Stickstoffdüngern und gilt als wichtiger Beitrag zur weltweiten Ernährungssicherung.
Doch schon kurze Zeit später zeigte sich, dass die Bewertung einer historischen Persönlichkeit selten eindeutig ist. Im Verlauf der Stunde wurden auch Habers Aktivitäten im Ersten Weltkrieg thematisiert. Unter seiner Beteiligung kam es 1915 bei Ypern zum ersten großflächigen Einsatz von Chlorgas als chemische Waffe – ein Ereignis, das das bis dahin bestehende Tabu chemischer Kriegsführung brach.
Um die naturwissenschaftliche Dimension dieses Themas zu verstehen, führten die Schülerinnen und Schüler im Chemieteil der Doppelstunde Experimente durch. Auf dieser Grundlage diskutierten sie, warum dieses Gas für den menschlichen Körper so gefährlich ist und weshalb es im Krieg eine besonders grausame Waffe darstellt.
Im anschließenden Austausch zwischen den beiden Kursen wurde die historische Perspektive ergänzt. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit unterschiedlichen zeitgenössischen Sichtweisen auseinander – etwa mit Habers eigener Rechtfertigung seiner Arbeit sowie mit kritischen Stimmen aus seinem Umfeld.
Der innovative Charakter dieses Unterrichts lag vor allem in der engen Verzahnung der beiden Fächer. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse wurden nicht isoliert betrachtet, sondern unmittelbar mit historischen und ethischen Fragestellungen verbunden. Ziel war es, die sogenannte Bewertungskompetenz der Schülerinnen und Schüler zu fördern – also die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren und begründet Stellung zu beziehen.










